Fallbeispiele: Mediale Beratung & Mentalcoaching
Vanessa: Die Tochter und ihr narzisstisch geprägter Vater
Eine Geschichte aus Metaphysik der Beziehung
Vor mehr als zehn Jahren rief mich diese Klientin zum ersten Mal an. Sie hatte bereits zahlreiche unschöne Erfahrungen mit ihrem Vater gemacht. Ihre Eltern waren getrennt, sie war ein Scheidungskind.
Das Kind, das sich über äußere Werte definierte
Sie war sechs Jahre alt und wusste bereits, wie man möglichst leise ist.
Am Schritt ihres Vaters im Flur konnte sie erkennen, wie der Abend verlaufen würde. Wenn die Tür zuschlug, machte sie sich klein und hoffte, dass der nächste Sturm an ihr vorüberziehen würde.
Sie war nicht die Lieblingstochter ihres Vaters. In ihrer Wahrnehmung war sie das schwarze Schaf der Familie.
Ihr Vater verwechselte Liebe mit Kontrolle. Er wurde laut und schließlich gewalttätig – zunächst gegenüber ihrer Mutter und später auch gegenüber ihr selbst.
An dem Tag, an dem er auch seine Tochter schlug, fand ihre Mutter den Mut, die Beziehung zu beenden und zu gehen.
Die Trennung rettete sie aus dieser Situation. Doch ein Kind, das Liebe als Machtspiel erlebt, lernt häufig nicht, dass es einfach so wertvoll ist, wie es ist.
Es lernt stattdessen:
Wenn ich brav bin, wenn ich gefalle und wenn ich nichts falsch mache, bin ich sicher.
So begann sie, ihren eigenen Wert zunehmend über äußere Anerkennung zu definieren. Entscheidend wurde, was andere an ihr sahen, wie sie auf sie reagierten und wofür sie gelobt wurden.
Die Wiederholung eines alten Beziehungsmusters
Mit 31 Jahren saß sie schließlich vor mir und erzählte:
"Ich ziehe immer wieder Männer an, die dasselbe Spiel spielen."
Während ich ihr aus meiner Wahrnehmung und anhand meines Orakels ihre Lebensgeschichte und die dahinterliegenden familiären Zusammenhänge schilderte, bestätigte sie mir immer wieder Einzelheiten.
Es war beinahe so, als würde man mit einem Menschen über dessen eigene Lebensgeschichte sprechen, obwohl man ihn und seine Vergangenheit eigentlich gar nicht kennen kann.
Was sich dabei zeigte, war ein wiederkehrendes Beziehungsmuster.
Es war kein Zufall, dass sie immer wieder in ähnliche Konstellationen geriet. Was uns vertraut ist, kann sich wie Heimat anfühlen – selbst dann, wenn es uns nicht guttut.
Sie suchte Anerkennung im Außen und geriet an Menschen, die ihr diese Anerkennung zunächst schenkten, sie ihr später jedoch je nach Stimmung wieder entzogen.
Wieder hing ihr eigener Wert scheinbar von der Hand eines anderen ab.
Der Wendepunkt – Den eigenen Wert wiederentdecken
Irgendwann begann sie zu verstehen:
Mein Wert entsteht nicht dadurch, was andere in mir sehen oder wie sie mich behandeln.
Sie fing an, ihr Verhalten nicht mehr ausschließlich an den Reaktionen anderer auszurichten. Stattdessen lernte sie zunehmend, in sich hineinzuspüren und sich zu fragen, was sie selbst wirklich möchte.
Sie begann zu erkennen:
Ich bin nicht die Gewalt, die ich erlebt habe.
Ich bin nicht mehr das kleine Kind, das ängstlich im Flur steht.
Ich muss mir Liebe nicht verdienen.
Ich darf selbst entscheiden, welche Art von Nähe und Beziehung mir guttut.
"Heute fragt sich Vanessa nicht mehr: Gefalle ich ihm? Sondern: Tut mir diese Nähe gut?"
Wenn du dich in dieser Geschichte wiedererkennst, bedeutet das nicht, dass mit dir etwas falsch ist.
Deine Verhaltens- und Beziehungsmuster haben einen Ursprung in deiner Vergangenheit. Und was einen Ursprung hat, kann erkannt, hinterfragt und verändert werden.
Reframing – Eine andere Wahrnehmung, ein neuer Weg
Meine Aufgabe bestand vor allem darin, ihr immer wieder eine übergeordnete Sichtweise zu ermöglichen: die Beobachterperspektive.
Aus dieser Perspektive beschrieb ich ihr meine Wahrnehmungen über die verschiedenen Familienmitglieder – über ihren Vater, ihre Mutter und ihre beiden Schwestern. Dabei ging es nicht nur darum, was die einzelnen Personen erlebt hatten, sondern auch darum, wie sie die jeweiligen Situationen wahrnahmen und welche Überzeugungen und Glaubenssätze daraus entstanden waren.
Wir betrachteten die familiären Zusammenhänge und die emotionalen Verstrickungen, die bis in ihre heutigen Beziehungen hineinwirkten.
Besonders deutlich wurde dabei, warum sie immer wieder Männer anzog, die zunächst sehr um sie warben, ihr das Gefühl gaben, etwas Besonderes zu sein, und später zunehmend ähnliche Machtkämpfe entwickelten, wie sie sie bereits aus der Beziehung zu ihrem Vater kannte.
Durch das Reframing lernte sie, die Situationen nicht mehr ausschließlich aus ihrer bisherigen emotionalen Perspektive zu betrachten.
Sie konnte allmählich unterscheiden, was tatsächlich im Hier und Jetzt geschah und welche alten Erfahrungen ihre Wahrnehmung und ihre Reaktionen beeinflussten.
Denn manchmal beginnt Veränderung genau dort, wo wir aufhören, immer wieder dieselbe Geschichte zu leben, und anfangen, sie aus einer anderen Perspektive zu betrachten.
Wichtiger Hinweis: Meine Beratung ersetzt keinen Arzt und keine Psychotherapeutin. Sie stellt keine Diagnose und gibt kein Heilversprechen. Bei psychischen oder körperlichen Beschwerden wende dich bitte an einen Arzt oder eine psychotherapeutische Fachkraft. Hinweis zu diesem Fallbeispiel: Name und Details wurden geändert, die Geschichte wird mit Erlaubnis der Klientin erzählt.

